19.11.2026 Prof. Dr. Diethard Tautz - „Weiblich – männlich oder Mosaik: Was ist das Geschlecht eines Individuums?“
Was macht ein Individuum weiblich oder männlich? Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach: Die biologische Definition der Geschlechter beruht auf der Unterscheidung der Keimzellen. Individuen, die Eizellen produzieren, sind weiblich, Individuen, die Spermien produzieren, männlich.
Doch ein Individuum ist sehr viel mehr als ein Produzent von Keimzellen. Betrachtet man den gesamten Körper, sind die Grenzen zwischen „weiblich“ und „männlich“ weit weniger scharf. Viele körperliche Merkmale unterscheiden sich zwar im Durchschnitt zwischen Frauen und Männern, zeigen aber große Überschneidungen. Männer sind zum Beispiel im Durchschnitt größer als Frauen – dennoch gibt es viele Frauen, die größer sind als viele Männer. Aus der Körpergröße allein lässt sich das Geschlecht eines Menschen daher nicht zuverlässig ableiten.
Neuere Forschung zeigt, dass dieses Prinzip weit über äußerlich sichtbare Merkmale hinausgeht. Auch Organe und das Gehirn weisen eine Vielzahl von Merkmalen auf, die bei Frauen und Männern unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Ein einzelnes Individuum besitzt in der Regel eine mosaikartige Kombination von Merkmalen, von denen einige eher dem weiblichen und andere eher dem männlichen Verteilungsmuster entsprechen.
Der Vortrag stellt aktuelle Forschungsergebnisse zu diesen biologischen Unterschieden und Überschneidungen vor. Sie zeigen, warum die Unterscheidung zwischen weiblichen und männlichen Keimzellen biologisch eindeutig sein kann, während die Einordnung eines ganzen Individuums sehr viel komplexer ist. Eine einfache Übertragung der Kategorien „männlich“ und „weiblich“ auf sämtliche Eigenschaften eines Individuums wird dieser biologischen Vielfalt nicht gerecht.